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Ein Bericht unserer Erasmus+-Koordinatorin Anne Unfried.

Nicht nur in Zeiten großer Hitze und Trockenheit ist es uns ein großes Anliegen, immer nachhaltiger zu werden. Das betrifft unsere Gebäude und das Außengelände, aber auch unsere Auslandspraktika und Job Shadowings mit Erasmus+, für die teilweise weite Strecken zurückgelegt werden müssen. Manche unserer Partner sind leider so weit von uns entfernt, dass andere Reiseformen als Flüge mit schlechter CO2-Bilanz keinen Sinn machen. Daher suchen wir schon seit einer ganzen Weile verstärkt nach Partnern, die per Zug, per Fernbus oder mit unseren hauseigenen VW-Bussen gut erreichbar sind. Auch Erasmus+ hat hier in den letzten Jahren nachgelegt: Für „grünes“ Reisen erhält man eine höhere Reisepauschale und darf vier statt zwei Reisetage abrechnen. So kann man auch eine Fernreise mit dem Zug stressfrei gestalten.

Zunächst haben wir vor diesem Hintergrund Österreich besucht. In Österreich hatten wir zwar bisher auch Praktika angeboten, hatten aber keinen Partner vor Ort, an den wir uns im Notfall wenden konnten und der uns bei der Vermittlung von Praktikumsplätzen half. Nun wurde uns durch das BBW Südhessen der Kontakt zu der gemeinnützigen Einrichtung Wien Work vermittelt.

Wien Work bietet Ausbildung für junge Menschen mit Förderbedarf in Wien an und arbeitet dabei in hohem Maße mit Betrieben vor Ort zusammen. Bei einem Besuch im Frühsommer haben uns das Engagement der Mitarbeitenden, die vielen guten Ideen zur Schaffung von Beschäftigungsmöglichkeiten und das große Unternehmensnetzwerk sehr beeindruckt. Wien Work scheint ein fester Bestandteil der Praktikanten- und Fachkräfteakquise der Wiener Unternehmen zu sein. Für unsere Rehabilitanden ist es außerdem von Vorteil, ein Auslandspraktikum in einem deutschsprachigen Land im Angebot zu haben, denn trotz umfangreicher sprachlicher Vorbereitung bei uns im Hause hat nicht jede*r genügend Fremdsprachenkenntnisse für ein solches Abenteuer. Da wir eine sehr ähnliche Klientel haben und ähnliche Berufsbilder ausbilden, wäre eine Kooperation für beide Seiten sehr sinnvoll.

Während berufliche Ausbildung in Österreich recht ähnlich funktioniert wie in Deutschland, hat das Vereinigte Königreich ein anderes, sehr viel durchlässigeres, aber auch weniger strukturiertes Ausbildungssystem. Im Juli haben wir uns also ein weiteres Mal auf den Weg gemacht, nun auf die britische Isle of Wight – unter Nutzung einer beachtlichen Anzahl von Verkehrsmitteln. Per Auto nach Brüssel, von dort mit dem Eurostar nach London, mit der Tube von London St. Pancras nach London Waterloo, wieder per Zug weiter nach Southampton, per Bus zum Hafen, per Fähre nach Cowes auf die Isle of Wight und per Bus nach Newport in der Mitte der Insel. Ein nahtloser, benutzerfreundlicher Transfer, der in Deutschland kaum möglich wäre, und ein großartiges ÖPNV-System auf der kleinen Insel selbst ließen uns hier auf dem Lande vor Neid erblassen. Alle 10 bis 20 Minuten kann man per Bus einen anderen Ort auf der Insel erreichen, und die Anreise war trotz zweier Brände auf den Strecken und einer ausgefallenen Klimaanlage gut zu bewältigen.

In der Kleinstadt Newport im Zentrum der Insel war das Isle of Wight College (IOWC) unser Ziel, mit dem wir vor dem Brexit vor allem im Bereich Mitarbeiterfortbildung zusammengearbeitet hatten. Ab 2027 soll das Vereinigte Königreich wieder am Erasmus+-Programm teilnehmen, und auch das IOWC hat vor, wieder einen Antrag zu stellen. Diesmal wollen wir auch Rehabilitanden beider Seiten die Möglichkeit geben zu reisen.

Auch bei der britischen Jugend ist der negative Einfluss der sozialen Isolierung während der Covid-Pandemie deutlich bemerkbar. Das College verzeichnet auch ansonsten einen größeren Zustrom von Schüler*innen mit Behinderungen – es hat sich anscheinend herumgesprochen, dass die Isle of Wight über gute Förderangebote verfügt, und so ziehen immer mehr Familien mit Kindern, die einen Förderbedarf haben, hierher. Das vergleichsweise gemächliche, sichere Leben in idyllischer Umgebung schafft natürlich weitere Anreize.

1.800 Schüler*innen ab 16 Jahren auf ganz verschiedenen Niveaus hat das IOWC derzeit. Viele davon, etwa 20-30%, haben einen „Educational Health Care Plan“, eine Art Förderplan, der u.a. vom College umgesetzt werden soll, z.T. in Zusammenarbeit mit anderen Diensten.

Manche der Neuzugänge haben große Wissenslücken und/oder wurden viele Jahre zuhause unterrichtet, mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Im „Foundation Learning“-Programm werden bei Bedarf Grundkompetenzen vermittelt und erste, begleitete Arbeitserfahrungen in sogenannten „Charity Shops“ (gemeinnützigen Gebrauchtwarenläden) gemacht, bevor es dann in eine berufliche Ausbildungsmaßnahme geht. Diese unterscheiden sich deutlich von unseren; viele sind rein schulisch, andere werden wie in unserem dualen System in Zusammenarbeit mit Betrieben als „apprenticeships“ durchgeführt, sind aber nicht so stark reglementiert und oft deutlich kürzer. Auch Erwachsenenbildung bietet das IOWC an; es ist das einzige weiterführende College auf der Isle of Wight. Im Königreich ist es üblich, nach einer Grundausbildung erst einmal zu arbeiten und erst nach einer Weile wieder Kurse zu belegen. Eine Kombination diverser Kurse über Jahre hinweg führt zu Abschlüssen, die z.B. mit einem Bachelor-Grad oder einem Meisterabschluss vergleichbar sind. Daher gibt es immer wieder auch erwachsene Arbeitnehmer, die sich noch einmal höher qualifizieren wollen.

Alles in allem waren es sehr spannende Hospitationen, die uns einen guten Einblick in die verschiedenen Systeme, Angebote und Herausforderungen gaben. Wir danken den beiden Einrichtungen noch einmal sehr für die Gastfreundschaft, die zielführenden und vielfältigen Besuchsprogramme sowie die gute Betreuung. Wir hoffen nun sehr auf Gegenbesuche – und demnächst auf eine gute Zusammenarbeit!